Wer eine gebrauchte Gitarre aus der Ferne, also zum Beispiel über Ebay kauft, der steht immer vor dem Problem, daß der Zustand des Instrumentes nicht wirklich zu 100% klar ist. Wenn man nicht aufpaßt, erlebt man leicht eine Überraschung. Ich möchte hier im Laufe der Zeit ein paar Tips geben, auf die man beim Kauf unbedingt achten sollte.
1. Bünde können teuer werdenWir beginnen zunächst mit dem Hals oder besser gesagt, mit den Bünden. Wenn es beim Spielen klirrt oder gar scheppert, ist häufig ein falsche Einstellung von Halskrümmung oder Saitenlage die Ursache. Wenn man weiß, wie es gemacht wird, kann man das leicht selber beheben. Wer es nicht weiß, geht damit zu einem ordentlichen Gitarrenbauer und steckt vorher 10 bis 20 Euro in die Tasche.
Manchmal hilft das jedoch nicht, so sehr man sich auch bemüht. Eine mögliche Ursache findet sich dann in dem folgenden Bild:
Hier sind mehr als deutliche Riefen oder besser gesagt Kerben in den Bundstäbchen zu erkennen, die auf eine starke Abnutzung hinweisen.
In diesem Fall wird es mit großer Wahrscheinlichkeit unumgänglich sein, die Bünde neu abzurichten und anschließend die Rundung mit Hilfe einer Bundfeile neu zu erstellen. Unter Umständen ist sogar eine Neubundierung fällig! Solche Reparaturen sind zeitaufwändig und mit entsprechenden Kosten verbunden. Je nach Fall kann man da 100 bis 200 Euro auf der Rechnung finden!
Wer sich ein solches Instrument kauft, der sollte die entsprechenden Kosten unbedingt in seine Kalkulation einbeziehen! Im Zweifelsfall sollte man von einem Kauf lieber absehen!Tatsächlich wurde die fragliche Gitarre für über 300 Euro verkauft...
2. Die Sache mit den Bildern"Toll, meine Traumgitarre wird angeboten!"
Manch einer findet bei Ebay wirklich seine Traumgitarre, aber ob hier wirklich alles in Ordnung ist?
Nehmen wir dieses Angebot doch einmal kritisch unter die Lupe:
- Die Modellbezeichnung ist vollständig. 1:0 für den Verkäufer!
- Die Zustandsbeschreibung ist ein wenig "dünn". Über den Begriff "neuwertig" läßt sich im Zweifelsfall trefflich streiten, wie ich aus eigener leidvoller Erfahrung weiß! Papier ist bekanntlich geduldig und ein Bild sagt mehr als 1000 Worte! Ein wenig mehr Prosa wäre sicherlich angemessen.
- Die Spezifikation des Instrumentes ist nie verkehrt. 2:0!
- Die Bilder (denn Fotos kann man das wirklich nicht nennen)
Was man auf diesen Fotos erkennen soll, wird wohl auf immer das Geheimnis des Verkäufers bleiben. Sieben mal Dunkelheit oder Dämmerung (auch in höherer Auflösung) sind mit Sicherheit nicht dazu geeignet den schon erwähnten Zustand "neuwertig" zu belegen!
Warum so viele Verkäufer im Zeitalter der günstigen Digitalkameras immer noch nicht begriffen haben, daß der erzielbare Verkaufspreis mit der Qualität der eingestellten Fotos korreliert, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel!
Als potentieller Käufer bin ich jetzt gezwungen, bessere Bilder anzufordern. Das kostet Zeit und nervt!

Dafür gibt es also eine glatte 6!
Wer aufgrund der vorliegenden Angaben ein Gebot abgibt, ist entweder sehr risikofreudig oder schlicht und ergreifend dumm!

Um das angebotene Instrument wirklich nur im Ansatz beurteilen zu können, sind unbedingt qualitativ gute Fotos notwendig. Sie sollten ausreichend belichtet und scharf sein, damit auch etwas zu erkennen ist.
Eine Auflösung von 400x300 Pixeln ist nicht ausreichend. 640x480 ist das mindeste, was hier zu fordern ist, wenn es sich um Detailfotos handelt.
Jetzt bleibt noch die Frage, wie viele Fotos es denn sein sollen? Nun, wir wollen ja einen Eindruck vom gesamten Instrument haben. Also:
- Korpus von vorne
- Korpus von hinten
- Kopf mit Sattel
- Rückseite des Kopfes (Mechaniken und ggf. Seriennummer)
- Mehrere Fotos der Bünde
- Bilder eventueller Lackschäden
Grundsätzlich gilt: "Je mehr, desto besser!" und "Je größer, desto besser!"
Sieht sich der Verkäufer nicht in der Lage, die gewünschten Fotos zu liefern, dann gibt es nur eine Konsequenz:
Finger weg!3. Die Sache mit den Bildern IIDa hat man schon ein brauchbares Bild und trotzdem...
Vor einiger Zeit wurde in der Bucht eine Aria Pro II CS-200 angeboten. Im Text war zu lesen:
Der Korpus wurde verschlimmbessert und grau überlackiert
Nun ja, über Geschmack läßt sich bekanntlich streiten und wer stümperhaft ausgeführte Lackierungen mag, wird hier sicherlich bestens bedient. Das Bild ist ja groß genug, um sich ein Bild zu machen, allerdings...
Wenn man sich einmal das Bild einer originalen CS-200 ansieht:
Hoppla, offensichtlich wurde da auch die Form des Korpus verändert! Die Cutaways wurden so stark eingezogen, wie es bei keiner Cardinal zu sehen ist. Da hatte jemand wohl extremen Platzbedarf und eine Stichsäge zur Hand!
Spätestens jetzt ist es natürlich mit der Orginalität des Instrumentes vorbei. Die CS-200 ist vergleichsweise selten. In gutem Zustand hätte man durchaus 200 bis 300 Euro erzielen können. So kann man als Verkäufer nur hoffen, daß ein Tüffel vorbeikommt, der...

Gekauft? Tja, reingefallen trotz brauchbarer Bilder!

Was lehrt uns das?
Man sollte das angebotene Instrument auch anhand anderer Bilder dieses Modells verifizieren, insbesondere, wenn die Lackierung verändert wurde!Im Zeitalter des schnellen Internet findet man mit ein wenig Geduld und einer Suchmaschine fast jedes Bild. Die investierte Zeit ist in jedem Fall gut angelegt.
4. "Gibson Les Paul" oder die Sache mit den Bildern IIIEigentlich traue ich mich nicht, denn das was jetzt folgt ist zu offensichtlich, aber...
aber manchmal machen Liebe oder andere Dinge einfach blind! Also, was ist das?
Klar, wer lesen kann, ist klar im Vorteil! Der Verkäufer ist auch auf der sicheren Seite, denn er bietet das
Bild einer Gibson Les Paul an!
Was ein solches Angebot in der Kategorie "Musikinstrumente > Gitarren > E-Gitarren" zu suchen hat, ist allerdings die große Frage!
Daß im gesamten Angebotstext ausgerechnet und ausschließlich die Worte
Gibson Les Paul fett hervorgehoben werden, sollte auch schon bedenklich stimmen! Und Versandkosten in Höhe von 10 Euro für ein zusammengerolltes Bild von dem es offensichtlich noch mehrere gibt?
Ich will dem Verkäufer ja nichts Böses unterstellen, aber man wird den Eindruck nicht los, daß hier damit gerechnet wird, einen deutlich höheren Preis zu erzielen, weil unachtsame Bieter der Meinung sind, auf ein reales Instrument zu bieten!
Daß das vermeintliche Schnäppchen tatsächlich keine richtige Gitarre ist, stellt man dann natürlich erst hinterher fest. Dann ist die Zahlung aber schon erfolgt. Ob man dann sein Geld zurück bekommt... Ein Schelm, der dabei Böses denkt!
Fazit:
Man sollte den Angebotstext genau lesen und diesen bei Bedarf auch sichern, damit man notfalls eine Art Nachweis hat!Es soll auch schon Leute gegeben haben, die 50 Euro oder gar mehr für eine Verpackung bezahlt haben!
Tja, hätte ich diesen Beitrag nun lieber nicht schreiben sollen? So dumm kann doch gar keiner sein!!
Wer bei Ebay aufmerksam beobachtet, der hat jedoch sicher auch schon einmal festgestellt, daß es Leute gibt, bei denen operative Hast die geistige Windstille ersetzt.

ps: Wenn Du zu den Letztgenannten gehörst, will ich das jetzt nicht wissen und schon gar nicht darüber diskutieren! Mach' einfach, was der Onkel gesagt hat, denn er ist ein guter Onkel!
5. Wer lesen kann ist klar im VorteilHatte es ich eigentlich schon erwähnt? Nein? Dann will ich Euch eine der elementarsten Weisheiten beim Online-Kauf nicht vorenthalten:
Wer lesen kann ist klar im Vorteil und sollte diese Fähigkeit zum eigenen Nutzen auch zur Anwendung bringen!
Ach, das ist schon bekannt? Tja, anscheinend noch nicht überall, denn es stand zu lesen:
Formal war dagegen ja nichts einzuwenden, wie ich weiter oben schrieb und trotzdem konnte man wenig später folgendes lesen:
Tja, wer lesen kann ist eben klar im Vorteil!
Oder etwa nicht?
6. Fünf Gründe, warum eine Ebay-Aktion scheitert oder fünf Gründe für ein SchnäppchenEs stand bei Ebay zu lesen:
Verkaufe hier ein Bass von der Marke Cimar, der Bass ist gebraucht. dazu gibt es ein Verstärker Johnson 40 Watt und der ist NEU!!!!
Dazu gab es natürlich auch ein Bild, welches ich schon einmal um 90 Grad gedreht und etwas geschnitten habe:
Hier hat der Anbieter eigentlich keinen Fehler ausgelassen, aber alles der Reihe nach:
1. Schlechtes BildViel kann man auf diesem Bild wirklich nicht erkennen. So etwas ist leider eher ein Grund, um kein Gebot abzugeben. Aber der Onkel ist ja ein neugieriger Mensch. Also her mit dem Programm für die Bildverarbeitung. JPG-Artefakte entfernen, Bild drehen, etwas Gamma und dann noch mit Kontrast und Farbe spielen... et voilá:
Was aus diesem Bild alles zu schließen ist, wird im weiteren Verlauf dargelegt:
2. Keine weiteren Angaben über das InstrumentEs handelt sich also um einen Bass der Marke "Cimar", so viel ist schon einmal klar! Und...
Mit Hilfe einer Suchmaschine wäre man schnell auf den Artikel "
Cimar Modell 2070MH - Das Ende der großen Unbekannten" gestoßen. Hier findet sich das folgende Bild:
Aha, offensichtlich handelt es sich um einen Cimar 2072RD!
Die meisten Musiker werden heute bei der Nennung des Namens "Cimar" sagen: "Who the fuck is Cimar?" Aber zumindest ein paar Älteren wird durch den Kopf schießen: "Cimar, das war doch die Billigmarke von Ibanez!" Großes Interesse wird man so jedoch nicht erwecken!
Daß diese Serie offensichtlich nicht so schlecht war (immerhin wurden hier auch Stegreiter aus Messing verbaut) dürfte den wenigsten bekannt sein und wenn man das im Angebotstext nicht sagt... dann darf man nicht auf viele Gebote hoffen!
Die Gitarren aus dieser Serie erzielen übrigens mit schöner Regelmäßigkeit Preise über 200 Euro!
Über den Zustand von Korpus und Bünden schweigt man sich lieber aus. Ist ja auch nicht so wichtig! Immerhin ist der Bass doch schön rot, oder?
3. Falsche Angabe über den VerstärkerMit einem 40 Watt Verstärker kann man schon etwas anfangen, aber wenn man einmal die Größer der Potiknöpfe in Relation zum Gehäuse setzt, kommt schnell der Verdacht auf, daß dieser Verstärker wohl keine Leistung von 40 Watt erbringen wird. Vielleicht nimmt er diese elektrische Leistung auf, aber abgeben...
Diese offensichtliche Falschangabe kann nach der Auktion leicht zu Unstimmigkeiten führen und ist im Zweifelsfall ein Grund, um den Kauf rückgängig zu machen oder zumindest eine Minderung des Kaufpreises zu verlangen!
4. Ware muß abgeholt werdenWer sich nicht die Mühe machen will, um sein Ware zumindest bundesweit zu verschicken, der schränkt den Kreis der potentiellen Bieter stark ein. So etwas hat immer auch Folgen für den zu erzielenden Kaufpreis!
5. Auktionsende 11:41 UhrZu dieser Zeit sind viele Musiker zwar schon wach, aber nicht wenige sind dann auch am Arbeitsplatz und ob dann immer ein Computer mit Zugang zu Ebay zur Verfügung steht? Wer Wert auf eine geringe Anzahl von Bietern legt, der ist mit dieser Vorlage natürlich auf dem richtigen Weg!
Die FolgenWie schon gesagt wurde, hat der Anbieter eigentlich kaum einen möglichen Fehler ausgelassen. So etwas wird natürlich auf dem Fusse bestraft!
3-2-1-Meins für 83,99 Euro bei nur 11 Geboten!
Bei dem Verstärker handelte es sich erwartungsgemäß nicht um einen 40 Watter, sondern um einen JA-15B, der seinerzeit für rund 35 Euro neu über den Tisch ging.
Apropos gehen: Schlußendlich ist das angebotene Paket für 60 Euro über den Tisch gegangen und ein Koffer für das Instrument war auch noch dabei!
Tja, das waren 5 Gründe für ein Schnäppchen!
Ulf
(to be continued)
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